Tiermodell

200 JAHRE FOTOGRAFIE
04.12.2026 – 04.04.2027

Gefährte, Forschungsobjekt, Symbol, Spiegelbild oder Fantasievorstellung – seit der Erfindung der Fotografie ist das Tier nie aus dem Blickfeld der Fotograf:innen gerückt. Modèle animal (Tiermodell) taucht in zwei Jahrhunderte der Bildgeschichte ein und offenbart, wie die Fotografie unseren Blick auf Tiere geprägt und damit auch unsere Art, sie zu lieben, sie auszubeuten oder zu schützen, tiefgreifend beeinflusst hat.

Von den Mikrofotografien eines Auguste Bertsch im 19. Jahrhundert bis hin zu den Schnappschüssen von Martin Parr und Elliott Erwitt, die die Vertrautheit zwischen Mensch und Tier sichtbar machen; von den Collagen Peter Beards, in denen sich persönliche Erzählungen und umweltpolitische Anliegen vermischen, bis hin zu den feinsinnigen Betrachtungen Rinko Kawauchis, vom Streben nach Harmonie einer Simona Kossak bis zu den Bildkompositionen William Wegmans: Die Ausstellung spannt einen Bogen über das Werk grosser Fotograf:innen, die unser Empfinden gegenüber Lebewesen geprägt haben. Dabei schliesst sie auch die innovativsten zeitgenössischen Ansätze mit ein – die seltsamen Kreaturen Augustin Rebetez' und Robin Lopvets, die poetischen Welten Vasantha Yogananthans, oder die gewagten Experimente, die in den sozialen Medien kursieren. Modèle animal unterstreicht die enorme Präsenz des Tieres in unserer kollektiven Vorstellungswelt und lädt uns dazu ein, Grenzen zu überschreiten: zwischen Mensch und Tier, zwischen dem Blick und dem Bild – und vielleicht auch zwischen dem, was wir sehen und dem, was wir sehen wollen.

Index

MEHR ALS 500 FOTOGRAFIEN – 220 KÜNSTLER:INNEN
Index der Künstler*innen und Fotograf*innen

Jonathas de Andrade (1982), Ottomar Anschütz (1846–1907), Hippolyte Arnoux (1832–1894), Jane Evelyn Atwood (1947), François Aubert (1829–1906), Winnie Au (1981), Jacob Aue Sobol (1976), Richard Avedon (1923–2004), David Bailey (1938), Édouard Baldus (1813–1889), Roger Ballen (1950), Samantha Bass (1990), George Bashford (1858–1899), William Sykes Baverstock (1893–1975), Peter Beard (1938–2020), Valérie Belin (1964), Edmond Bénard (1838–1907), Auguste Bertsch (1813–1871), Richard Billingham (1970), Viktoria Binschtok (1972), Werner Bischof (1916–1954), Louis-Auguste Bisson (1814–1876), Blommers & Schumm (1969), Marta Bogdańska (1978), Ursula Böhmer (1965), Atelier Boissonnas, Xavi Bou (1979), Myriam Boulos (1992), Zana Briski (1966), Nolwenn Brod (1985), Balthasar Burkhard (1944–2010), René Burri (1933–2014), Alfred Cailliez (1834–1878), Sophie Calle (1953), Henri Cartier‑Bresson (1908–2004), Roger Catherineau (1925–1962), David Chancellor (1961), Walter Chandoha (1920–2019), Julien Chavaillaz (1985), Céline Clanet (1977), Lucien Clergue (1934–2014), Christian Coigny (1946), Walter Augustus Coldwell (1864–1929), Maisie Cousins (1992), Mario Cravo Neto (1947–2009), Louis Jacques Mandé Daguerre (1787–1851), Lia Darjes (1984), Jack Davison (1990), Juan de Borbón (1822–1887), Gaston de Jongh (1888–1973), Charles Delius (1877–1962), Raymond Depardon (1942), Théodule Devéria (1831–1871), Jean Dieuzaide (1921–2003), John Divola (1949), Robert Doisneau (1912–1994), Jean‑Marie Donat (1962), Louis-Jules Duboscq‑Soleil (1817–1886), Louis Ducos du Hauron (1837–1920), Josef Maria Eder (1855–1944) and Eduard Valenta (1857–1937), James Elliott (1832–1900), Elliott Erwitt (1928–2023), Roger Fenton (1819–1869), Joan Fontcuberta (1955) and Pere Formiguera (1952–2013), Randal Ford (1971), William Henry Fox Talbot (1800–1877), Rosalind Fox Solomon (1930–2025), Leonard Freed (1929–2006), Masahisa Fukase (1934–2012), Flor Garduño (1957), Matthieu Gafsou (1981), Paul Géniaux (1873–1929), Weronika Gęsicka (1984), Stephen Gill (1971), Burt Glinn (1925–2008), Anne Golaz (1983), Jean‑Paul Goude (1938), Vincent Gouriou (1974), Harry Gruyaert (1941), Andreas Gursky (1955), Philippe Halsman (1906–1979), Jon Hanford (1985), Ren Hang (1987–2017), Albert Harlingue (1879–1964), Mishka Henner (1976), Laura Henno (1976), Todd Hido (1968), Hiro (1930–2021), Candida Höfer (1944), Willoughby Wallace Hooper (1837–1912), Roni Horn (1955), Kati Horna (1912–2000), Pieter Hugo (1976), Kurt Hutton (1893–1960), Jean‑Baptiste Huynh (1966), Marcel Imsand (1929–2017), Izis (1911–1980), Monique Jacot (1934–2024), Leila Jeffreys (1972), Nancy Lee Katz (1947–2018), Rinko Kawauchi (1972), Alexander Keighley (1861–1947), André Kertész (1894–1985), Pouria Khojastehpay (1993), Karen Knorr (1954), Simona Kossak (1943–2007) and Lech Wilczek (1930–2018), Juul Kraijer (1970), Laurence Kubski (1986), Louis Kunz (1832–1900), Ergy Landau (1896–1967), Mårten Lange (1984), Jacques‑Henri Lartigue (1894–1986), Daesung Lee (1975), Jochen Lempert (1958), Feng Li (1971), Herbert List (1903–1975), Zhiyue Liu (2001), Sheng‑Wen Lo (1987), Robin Lopvet (1990), Ella Maillart (1903–1997), Étienne-Jules Marey (1830–1904), Yamamoto Masao (1957), Ramón Masats (1931–2024), Eva and Franco Mattes (1976), Rafał Milach (1978), Désiré-François Millet (1828–1875), Yoshinori Mizutani (1987), Guido Mocafico (1962), James Mollison (1973), Sarah Moon (1941), Jean Moral (1906–1999), Inge Morath (1923–2002), Daido Moriyama (1938), Tshepiso Moropa (1995), Richard Mosse (1980), Vincent Munier (1976), Eadweard Muybridge (1830–1904), Jim Naughten (1969), Helmut Newton (1920–2004), Jean Painlevé (1902–1989), Trent Parke (1971), Martin Parr (1952–2025), Roger Parry (1905–1977), Edouard Payot (1874–1956), Géza Perneczky (1936), Regine Petersen (1976), John Phillips (1914–1996), Joanna Piotrowska (1985) & Formafantasma, Harry Pointer (1822–1889), Jo Ractliffe (1961), Augustin Rebetez (1986), Albert Renger‑Patzsch (1897–1966), Giles Revell (1965), Pierre‑Ambroise Richebourg (1810–1875), Louis‑Pierre Rousseau (1811–1874), Sebastião Salgado (1944–2025), Robin Schwartz (1957), George Shiras (1859–1942), Lee Shulman (1973) – The Anonymous Project, Taryn Simon (1975), SMITH (1985), Sage Sohier (1954), Emmanuel Sougez (1889–1972), Edward Steichen (1879–1973), Christer Strömholm (1918–2002), Hiroshi Sugimoto (1948), Francesca Todde (1981), Adrien Tournachon (1825–1903), Penelope Umbrico (1957), Auguste Vacquerie (1819–1895), Ruth Van Beek (1977), Alberto Vieceli (1965), Todd Webb (1905–2000), Weegee (1899–1968), William Wegman (1943), Sabine Weiss (1924–2021), Wols (1913–1951), Wanda Wulz (1903–1984), Ylla (1911–1955), Vasantha Yogananthan (1985), Émile Zola (1840–1902).

AUSSTELLUNG

Die Ausstellung verbindet bekannte Werke mit Bildmaterial aus anonymer Quelle und bildet einen thematischen Parcours, der um sieben Blickwinkel herum aufgebaut ist – den anatomischen, den performativen, den affektiven, den faszinierten, den ethischen, den plastischen und schliesslich den viralen Blick. Sie lädt uns ein, anhand von 200 Jahren Fotografie unsere komplexen und sensiblen Beziehungen zum Lebendigen mit neuen Augen zu sehen.

DER ANATOMISCHE BLICK

Mit der Erfindung der Fotografie löste dieses Medium die wissenschaftliche Zeichnung ab. Der anatomische Blick, der aus der Naturgeschichte stammt, macht das Bild zu einem Werkzeug, mit dem dokumentiert, isoliert, verglichen und zerlegt wird, um das Lebendige verständlich zu machen. Mikrofotografien, Chronofotografien, Röntgenaufnahmen: Das Tier wird buchstäblich unter die Lupe genommen. Vergrösserung und Detailgenauigkeit bringen die Schönheit, aber auch die Fremdartigkeit tierischer Formen zum Vorschein – und erinnern uns daran, dass das, was wir sehen, immer auch davon abhängt, worauf wir unseren Blick richten.

DER PERFORMATIVE BLICK

Zirkus, Menagerie, Zoo oder Fotoatelier: Das Tier wird präsentiert, ausgestellt, dressiert, inszeniert. Die Fotografie hält die Positionen, Kunststücke und Fertigkeiten fest, die dem Tier mittels Dressur antrainiert wurden – und verrät dadurch ebenso viel über die Gesellschaft, die diese Darstellung inszeniert, wie über das zur Schau gestellte Tier selbst. Mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen hinterfragen diese Bilder, was wir unseren Tieren abverlangen und was das über uns aussagt: über unsere Vorlieben, unsere Projektionen, unser Überlegenheitsgefühl.

Der performative Blick ist weder Anklage noch Rechtfertigung – er baut einen Spannungsbogen zwischen der Intention der Darbietung und der Andersartigkeit des Tieres auf.

DER AFFEKTIVE BLICK

Hier lebt das Tier mit uns zusammen: als Teil der Familie, als Gefährte, als Vertrauter. Die Bilder zeigen alltägliche Rituale, die sanfte Präsenz der Tiere und die daraus entstehende Verbundenheit. Von Kodachrome-Dias aus den 1950er-Jahren bis hin zu den Strassenporträts von Elliott Erwitt zeugen diese Fotografien von einer Beziehung, in der das Tier allgegenwärtig ist – in unserem Zuhause, in unseren Städten, in unseren Erinnerungen.

Wir erkennen uns darin wieder, identifizieren uns damit und finden bisweilen Trost darin. Freundschaft, Treue, Nachahmung – der affektive Blick bringt auf schlichte, aber eindringliche Weise zum Ausdruck, was uns am Herzen liegt und was wir bewahren möchten.

DER FASZINIERTE BLICK

Betrachten, staunen, träumen – unberührte Natur und ferne Horizonte: Der/die Tierfotograf:in wartet, beobachtet und harrt aus, oft unter extremen Bedingungen, immer auf der Suche nach einer Welt, die der unseren so fremd erscheint.

Diese Fotografie, deren Ursprünge bei den Naturforscher:innen des 19. Jahrhunderts liegen, entfaltet sich heute vor dem Hintergrund eines geschärften Bewusstseins für den Erhalt unserer Ökosysteme. Treibende Kraft für die Fotografierenden ist dabei die Faszination des Augenblicks: Tierwelt, Farben und Licht ziehen den Blick in ihren Bann, und dieser Moment des Staunens wird in einem Bild festgehalten. Von der Weitwinkelperspektive und den Vergrösserungen Sebastião Salgados bis hin zu den verschneiten und stillen Landschaften von Vincent Munier, von den Tieren, die George Shiras – ein Pionier der „Wildlife-Fotografie“ – bei Nacht aufnahm, bis hin zu den verstörenden Raben von Masahisa Fukase: Jedes Bild lässt uns die Intensität der Begegnung spüren. Für einen kurzen Moment löst sich die Grenze zwischen Betrachtendem und Betrachtetem in Verzauberung auf.

DER ETHISCHE BLICK

Intensive Tierhaltung, Gefangenschaft, Schlachtung, Tierversuche, Aussterben: Hier dient das Bild als Beweis. Es rüttelt auf, dokumentiert, und klagt bisweilen an. Hervorgegangen aus den Tierschutzbewegungen der späten 1960er-Jahre, wird die Fotografie hier zum Werkzeug der Ermittlung und zum Mittel der Warnung – von Schlachthöfen bis zu Laboren, von Orten der Gefangenschaft bis hin zu Schmugglernetzwerken. Im Zeitalter des Anthropozäns schärft sich der Blick, und mit ihm die Verantwortung des Bildes: Wie weit darf man gehen, um Bewusstsein zu wecken, ohne das Leiden zu instrumentalisieren? Neben den Anklagen treten auch andere Handlungsweisen in den Vordergrund – Wiedergutmachung, Fürsorge, und Berichte über fairere Arten des Zusammenlebens.

DER PLASTISCHE BLICK

Montage, Inszenierung, Fiktion, Hybridisierung: In diesem Teil der Ausstellung tritt das Tier als Mitgestalter auf.

Der plastische Blick will nicht mehr darstellen, sondern erforschen, was Bild und Lebewesen gemeinsam erschaffen können – es geht um Schöpfung, Metamorphose, Neuinszenierung. Von der sich überlagernden Darstellung einer Wanda Wulz, die 1932 ihr Selbstportrait mit dem Gesicht ihrer Katze verschmelzen liess, über Karen Knorrs fotografische Fabeln, in denen sie Tiere an ungewöhnlichen Orten auftreten und sie damit ein völlig neues Narrativ erschaffen lässt, bis hin zu Vasantha Yogananthans sakralen Figuren – diese Werke lassen die Grenze zwischen dem Realen und dem Imaginären, zwischen Darstellung und Fiktion verschwimmen.

DER VIRALE BLICK

Seit seinen Anfängen ist das Internet ein Sammelbecken für ein ganzes Universum an Tieren, das mittlerweile ebenso viele reale wie imaginäre Arten umfasst. Im Zeitalter der Empfehlungsalgorithmen zieht das Tier Aufmerksamkeit auf sich, generiert Klicks, setzt Trends und geht viral. Ob rührend, faszinierend oder „niedlich“ im Sinne des Verhaltensforschers Konrad Lorenz, dessen Theorie des Kindchenschemas unsere Empfänglichkeit für kindliche Merkmale erklärt – das virtuelle Tier bündelt und verstärkt Verhaltensweisen, die so alt sind wie die Fotografie selbst. Das Internet hat unsere Besessenheit von Tierbildern nicht erfunden: Es hat sie lediglich auf globalem Massstab sichtbar gemacht.

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Credits

TIERMODELL – 200 JAHRE FOTOGRAFIE

Kuratierung
Nathalie Herschdorfer

Wissenschaftliche Beratung
Vincent Lavoie

Kuratorisches Komitee
Fanny Brülhart
Cécile Nédélec
Manuel Sigrist
Sarah Bourget
Emma Hennegrave

Die Ausstellung wird von der Publikation Modèle animal. 200 ans de photographie begleitet, erschienen bei Éditions Textuel.

Mit Beiträgen von Emanuele Coccia, Nathalie Herschdorfer, Vincent Lavoie und Manuel Sigrist

Katalog

Modèle animal

Als häusliche und emotionale Begleiter, Gegenstände wissenschaftlicher Untersuchung sowie Objekte der Faszination und des Staunens sind Tiere seit der Erfindung der Fotografie immer wieder ins Visier der Fotografen geraten. Dieses Buch untersucht, wie ihre Bilder unsere Vorstellung von ihnen geprägt...
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Partner

This exhibition is co-produced with Rencontres d’Arles.

 

 

 

The exhibition receives the generous support of UBS, the Loterie Romande, the Fondation Le Cèdre, the Fondation Coromandel, as well as the Federal Office of Culture.